Dienstag, 16. Januar 2018

Trump entlastet! Dummheit gibt es gar nicht

Man wird ihn ja nie recht los, den Blick des Pädagogen. Vierzig Jahre lang habe ich damit die Schule betrachtet – und so nach und nach auch den Rest der Welt. Im Grunde mache ich mir täglich Sorgen, wie es denn nun steht um das „Wahre, Gute und Schöne“. Als Pädagoge fragt man sich beim BUWOG-Prozess: Wo bleibt das Wahre, Herr Grasser? Man liest Untergründiges über Peter Pilz & Vergleichbare und denkt: Sittlich schön im Sinne Platons ist das nicht! Und wenn man sich mit der aktuellen Diskussion um das Donald Trump-Bild in „Fire and Fury“ konfrontiert, vermisst man irgendwie das Gute.
Denn ist es wirklich gut, so bedenkenlos „Dummheit“ zu sagen, wenn man Trump meint? Erstens kann der US-Präsident ökonomische Erfolge nachweisen, die ein ganz Blöder so nicht hinkriegen würde. Vor allem aber ist „dumm“ eine Vokabel, die aus dem pädagogischen Sprachschatz verschwunden ist. Es gibt nämlich keine dummen Kinder mehr, es gibt nur mehr unfähige Lehrer und falsche Schulsysteme. Erinnern wir uns an die Wahlwerbung der Grünen vor den letzten Nationalratswahlen. „Jedes Kind ist sehr gut“, war da zu lesen. Naja, das ist vielleicht nicht wahr, aber gut ist es schon, denn in meiner Schulzeit sind Schüler schnell einmal von den Lehrern explizit als Deppen abgestempelt worden – und zwar vor der grinsenden Mitschülerschaft.
Heute müssen sich Lehrer, die sich solche verbalen Ausritte erlauben, warm anziehen, denn die Eltern lassen sich demütigende Abwertungen ihrer Kinder mit gutem Recht nicht mehr gefallen. Mich irritiert allerdings, dass gerade progressive Menschen, die in jedem Kind den optimierten Weltgeist wirken sehen, recht schnell und sorglos das Attribut „dumm“ hervorziehen, wenn sie Mitmenschen kategorisieren, die ihnen ein Ärgernis sind, zum Beispiel FPÖ-Wähler – oder eben Donald Trump. Wann, so grüble ich, war wohl der Tag, an dem das „sehr gute“, das zweifellos hochbegabte Kind Donald plötzlich zum Trottel Trump mutiert ist?

Letztlich ist das Wahre, Gute und Schöne auch eine Frage der Sprachregelung. Und da hat uns Trump selbst schon einmal vorgelebt, wie man die Dinge korrekt und feinfühlig formulieren kann. Anstelle der garstigen Vokabel „Lüge“ verwendete er das schöne Synonym „alternative Fakten“. Dadurch angeregt schlage ich vor, Donald Trump nicht als „dumm“ zu bezeichnen, sondern als „alternative Hochbegabung“, zumal er sich ja auch selbst für ein „stabiles Genie“ hält. Als Pädagoge weiß man: Man kann das positive Selbstbild eines Menschen nicht zerstören, ohne den Betroffenen damit schwer zu kränken. Wer weiß, wozu der Gekränkte dann im Stande wäre, verfügt Trump doch nach eigener Aussage über einen noch größeren – ähh, Atomknopf als sein gestörtes politisches Gegenüber. O Verzeihung, ich meinte: sein „nordkoreanisches Intelligenzäquivalent“. 

(OÖN, Sicht der anderen, 16.1.2018)

Lesetipp Jänner: Olga Flor. Klartraum

Versuchsmodelle der Liebe (OÖN-Rezension vom 5.1.2018)

Die Ausgangssituation kommt uns bekannt vor. Eine Frau, nicht mehr ganz jung, Ehefrau und Mutter, verliebt sich ziemlich schwer in einen Mann, auch nicht mehr ganz jung, Ehemann und Vater. Wie schwer seine Liebe wiegt, wird nicht ganz klar. Anfangs scheint sie stark zu sein, aber dieser Art von Anfängen wohnt bekanntlich immer ein Zauber inne, der misstrauisch macht. Denn wie lange er anhält, ist schwer zu sagen. Irgendwann werden dem Mann die Heimlichkeiten des Fremdgehens zur Last. An einer Kreuzung in Berlin verlässt er seine Geliebte. Die Frau kann es nicht fassen und versucht nun, indem sie ihre Erinnerungen rekonstruiert und reflektiert, das Unbegreifliche verständlicher zu machen.
Wer nun glaubt, er hätte es mit einem Liebesroman aus einer Standardkategorie zu tun, weiß nicht, wer Olga Flor ist. Mit Standards und Routine begnügt sich diese Autorin nie. Das beginnt schon damit, dass sie zögert, das Erzählen einer Ich-Erzählerin anzuvertrauen. Immer wieder wechselt sie zur distanzierten Sie-Form und ihre Darstellungsweise folgt keinem Plot, sondern eher der Modellstruktur von Versuchsanordnungen. (Olga Flor ist studierte Physikerin!) Ihre weibliche Hauptfigur nennt sie P (wie Protagonistin), die männliche Figur ist A (wie Antagonist) und die Frau des Geliebten bekommt den Buchstaben C zugeordnet.
Robert Musil meinte, die Menschheit brauche weder mehr Gefühl noch mehr Verstand, sondern mehr Verstand in Sachen Gefühl. Diese Prämisse könnte als Motto über dem Roman „Klartraum“ stehen, denn schon der Titel beinhaltet die schwierige Synthese von Ratio und Emotion. Über Träume kann nicht einmal die Psychoanalyse letzte Klarheit schaffen.
Der Traum der Protagonistin besteht darin, die heftige, ja absolute Leidenschaft, die sie in den wenigen Stunden mit ihrem Geliebten erlebt, als eine Art romantisches Reservat zu schützen, ohne dabei das moderate Alltagsleben mit Mann und Kind zu gefährden. P versucht auch zu verstehen, was sie dermaßen stark mit A verbindet, körperlich und emotionell. Vielleicht könnte es ihr dadurch gelingen, sich zu „entlieben“.
Das Großartige, in dieser Qualität Einzigartige an Olga Flors Roman ist nicht das Thema, sondern die Sprache. Ihren Liebesschmerz bearbeitet die Protagonistin mit allen stilistischen Mitteln, die ihr Olga Flor zur Verfügung stellt, und die scheinen grenzenlos zu sein, angefangen von naturwissenschaftlichem Vokabular über aphoristische Ironie bis hin zu einer Metaphorik des Liebens und Begehrens ohne jedes Klischee. Seit Ingeborg Bachmann hat man Derartiges nicht mehr gelesen. Ohne Übertreibung kann man Olga Flor als größte Stilistin der österreichischen Gegenwartsliteratur würdigen.


Olga Flor: Klartraum. Roman. Jung und Jung Verlag, 280 Seiten, 23 Euro

Montag, 9. Oktober 2017

Lesetipp Oktober: "Die Hauptstadt" von Robert Menasse

Robert Menasses EU-Roman braucht zwar meine Werbung nicht mehr, dennoch möchte ich den außergewöhnlichen Roman auch auf diesem Weg empfehlen. Hier meine Rezension aus den OÖN:

Robert Menasse beschäftigt sich seit Jahren mit den Problemen der europäischen Einigung. Seine Sichtweisen hat er bislang vor allem in Essays und Reden dargelegt (u.a. „Der europäische Landbote“). Jetzt hat er das Thema Europa in Romanform bearbeitet. „Die Hauptstadt“ ist ein herausragendes Meisterwerk, kenntnis- und ideenreich, politisch klug und auch in literaturästhetischer Hinsicht überzeugend; denn dieses Buch beweist, dass die Form des großen Gesellschaftsromans auch in unserer so komplex gewordenen Welt nach wie vor geeignet ist, maßgebliche Zeitfragen auf erhellende Weise zu vermitteln.
Allein die Komposition dieses Romans ist eine handwerkliche Großtat. Um der Vielschichtigkeit des Europa-Themas gerecht zu werden, eröffnet und verknüpft Robert Menasse mehrere Handlungsstränge, die an den Handlungsort Brüssel gebunden sind und an verschiedene Figuren, zum Beispiel an Martin Susman. Der österreichische EU-Beamte soll einen Beitrag zu einem „Jubilee Project“ der Europäischen Kommission liefern, das in erster Linie die Karriere von Susmanns Chefin Fenia Xenopoulous fördern soll. Die Idee, dieses Projekt mit Auschwitz zu verbinden, weil doch das Ziel einer europäischen Friedensordnung nach 1945 darin bestanden habe, in Europa Krieg, Terror und Diktatur zu verhindern, stößt nicht überall auf ungeteilte Begeisterung. Ein Räderwerk aus Intrige, Eitelkeit und Karrierismus setzt sich in Bewegung.
Martin Susmans älterer Bruder Florian hat einen großen Schweinemast-Betrieb und versucht die europäischen Partner von einer gemeinsamen Handelspolitik zu überzeugen, aber der Nationalismus ist stärker. Das ist überhaupt ein Kernproblem, das sich leitmotivartig durch den Roman zieht. Im Zweifelsfall siegen nationale und persönliche Interessen über europäische Solidarität. Darüber ärgert sich auch der emeritierte Professor Alois Erhart, der bisweilen noch zu einem „Think Tank“ eingeladen wird, wo seine Appelle auf fruchtlosen Boden fallen.
Auch einen Kriminalkommissar lässt Robert Menasse auftreten. Émile Brunfaut soll einen mysteriösen Mordfall klären, der sich im Hotel Atlas ereignet hat. Plötzlich wird die Untersuchung eingestellt, was Brunfaut nicht so einfach hinnehmen will. Und nicht zuletzt gibt es da noch David de Vriend, eine besonders berührende Figur. Er ist einer der letzten Auschwitz-Überlebenden, die noch am Leben sind - zumindest am Beginn des Romans.
Menasse entwickelt die Biografien dieser und anderer Figuren und eröffnet durch gelungene Perspektivenwechsel ein breites Spektrum der Persönlichkeiten, Haltungen und Sichtweisen. So wird auch die Vernetzung des Privaten mit dem Politischen und Historischen anschaulich. Geschichte, so heißt es einmal in „Die Hauptstadt“, sei nicht nur „die Erzählung davon, was war, sondern auch die stetige Verarbeitung der Gründe, warum Vernünftigeres nicht sein konnte.“ Ähnliches könnte man auch über dieses großartige Buch sagen.


Robert Menasse: „Die Hauptstadt“. Roman, Suhrkamp, 457 Seiten, 24,70 Euro

depperte rotzbuam

In der Innviertel Ausgabe der OÖN erscheint monatlich in der Kolumne "Unser Inn/4" eine Glosse von mir. Das war der September-Beitrag:

Als ich in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum Jüngling heranreifte, erblühte in den USA und England gerade die Jugendkultur der legendären Achtundsechziger. Die Beatles und die Rolling Stones wurden frenetisch gefeiert, „Woodstock“ sendete die Botschaften von Peace and Love über den Atlantik und erreichte als Film sogar das Innviertel. Apropos Film! Inspiriert von den Harley-Davidson-Bikern aus „Easy Rider“ starteten die Innviertler Mopedfahrer des Jahres 1969 ihre Puch 500 auch viel energiegeladener. Da rauschte es auf den geschotterten Highways von Hohenzell, Eitzing und Tumeltsham! Aus Frankreich erreichten uns aufwühlende Fernsehbilder demonstrierender Studenten, und wenn wir im Rieder „City“ den Zigarettenqualm inhalierten, hatten wir das Gefühl, wir seien drauf und dran, die Menschheit neu zu erfinden.
Die Eltern und Großeltern fanden das alles nicht so toll wie wir Jungen. Teilweise hatte die Kriegsgeneration noch rabiate Ressentiments gegen die „Negermusik“ und überhaupt gegen alles Amerikanische. Zum Teil ging ihnen aber einfach nur der wichtigtuerische Habitus auf die Nerven, mit dem diese unerfahrene Jugend die Welt verändern wollte. „Ihr Rotzbuam, ihr depperten, ihr habt’s uns nu lang nix zum Sagen!“, schallte es uns entgegen, und wir empörten uns über diese unerträgliche Abwertung einer visionären Jugend.

Heute entlockt es mir so manchen satirischen Grinser, wenn die jugendbewegten Freunde von damals ihre Kommentare zur „Jugend von heute“ abgeben. Denn „forever joung“ (Bob Dylan) sind wir halt doch nicht geblieben, und wo früher die langen Haare in der Morgensonne leuchteten, schimmert heute die Pensionistenglatze im milden Abendlicht. Gegenwärtig arbeitet sich so mancher Altachtundsechziger ebenso zornig wie hilflos am Phänomen Sebastian Kurz ab. Dass sich ein Jungpolitiker bürgerlich positioniert und damit auch noch Erfolg hat, ist einfach unfassbar! Das geht gar nicht, denn: „So ein Rotzbua, ein depperter, der hat uns nämlich nu lang nix zum Sagen!“ 

Montag, 15. Mai 2017

Standard-Interview über "werte"

Es freut mich, dass sich der Standard, vertreten durch Lisa Nimmervoll,  für meine Position in der aktuellen Wertediskussion interessiert und mir so viel Platz eingeräumt hat.




Dienstag, 4. April 2017

Wie man politische Eigentore schieß

Politische Bildung ist eine ebenso wichtige wie heikle Aufgabe der Schule. Heikel ist sie deswegen, weil die Grenzen zwischen wissenschaftsbasierter Darstellung und politischer Wertung fließend sind – und bisweilen auch sein müssen. Eine demokratische Republik kann es wohl nicht für wünschenswert erachten, dass ihre Lehrkräfte verfassungsfeindlichen Radikalismen aller Art dieselbe Berechtigung zusprechen wie dem Parlamentarismus. Umgekehrt darf eine Lehrkraft bei den Schülern nicht für eine politische Partei werben oder gegen eine andere unsachlich polemisieren. Daher ist es grundsätzlich legitim, darauf zu achten, dass dieser Fairness-Grundsatz eingehalten wird.
Die Frage ist allerdings, welche Methoden dafür geeignet sind. Die FPOÖ hat kürzlich vorgeführt, wie man so etwas in einem demokratischen Rechtsstaat nicht machen soll. Politiker mit Stilbewusstsein setzen nicht Direktoren und Lehrkräfte unter Druck, sondern suchen das klärende Gespräch und respektieren die Instanzen der Schulbehörde. Und noch keine Partei ist in dieser Republik auf die Idee gekommen, Schüler dazu aufzufordern, ihre Lehrer zu denunzieren – noch dazu im zweifelhaften Schutz der Anonymität. Die FPÖ ist sich anscheinend nicht bewusst, in welch übler Tradition sie mit dieser Vorgangsweise steht. Lernen Sie Geschichte, meine Herren!
Aufforderungen an Schüler zu politisch motivierter Denunziation von Lehrern kamen in unseliger Vergangenheit ausschließlich von politischen Gruppen, die für autoritäre Systeme stehen, sowohl für rechte als auch für linke. Diese Systeme fördern Angst, Duckmäusertum und Verlogenheit. Thomas Stelzers Meinung, jede Partei könne so etwas handhaben, wie es ihr passt, teile ich daher nicht. Man stelle sich einmal vor, alle Parteien und Vereine würden ihre Befindlichkeiten so ausleben! Stasi, schau owa!
Die FPÖ schießt sich mit ihrem offenen Portal für Denunzianten ein klassisches Eigentor. Ausgerechnet diese Partei, die auf jeden Verdacht, in ihren Reihen rechtsextreme Ränder zu tolerieren, empört reagiert, setzt eine Aktion, mit der sie exakt das vorführt, was die Kritiker ihr vorwerfen: rechtsautoritäres Gehabe.

Im Übrigen ist gerade der FPÖ-Abgeordnete Roman Haider nicht immer so empfindsam, wenn es um politische Einflussnahme geht. Sein Sohn war in der Unterstufe Schüler im Peuerbach-Gymnasium, als ich dort noch Direktor war. Eine Klassenfahrt zum Parlament wollte Herr Haider direkt in die Räumlichkeiten des FP-Politikers Martin Graf lenken, der damals als Nationalratspräsident wegen seiner Rechtslastigkeit äußerst umstritten war. Ich untersagte diesen Besuch bei Graf, hätte er doch wie eine politische Deklaration ausgesehen. Roman Haider war damals sehr böse auf mich. Ich hab’s ausgehalten. (Oberösterreichische Nachrichten, 3. April 2017

Samstag, 11. Februar 2017

Lesetipp: Franzobels "Floß der Medusa"

Meine Rezension aus den Oberösterreichischen Nachrichten vom 4. Februar

Am 8. Juli des Jahres 1816 entdeckte das französische Schiff Argus vor der afrikanischen Westküste ein etwa zwanzig Meter langes Floß und rettete fünfzehn Männer, die dem Tod schon näher waren als dem Leben. Fast zwei Wochen hatten sie – ausgesetzt von Kapitän, Führungsmannschaft und Passagieren der gekenterten „Medusa“ – auf einem mehr schlecht als recht zusammengenagelten Holzhaufen ausgeharrt. Sie waren die letzten Überlebenden von insgesamt 147 Menschen. Was sich in diesen zwei Horrorwochen auf dem „Floß der Medusa“ ereignet hat oder haben könnte, davon handelt Franzobels neuer, lesenswerter Roman.
An Grauenhaftem bleibt dem Leser wenig erspart. Dünn ist die Decke von Humanität und Zivilisation, wenn es nur mehr um das nackte Überleben geht. Die Sonntagsreden von Nächstenliebe und Solidarität lösen sich in nichts auf. Wenn das Boot voll ist und zu kentern droht, werden alle, die zu schwach oder zu spät gekommen sind, gnadenlos hinausgetreten, und wenn der Hunger brennt bis in die Därme hinein, ist auch Menschenfleisch nichts anderes als ein Nahrungsmittel.
Für die Schrecken solch einer Grenzsituation die angemessene Erzählsprache zu finden, ist ein poetischer Kraftakt, den Franzobel mit bewundernswerter Souveränität meistert. Seinen Hang zum Skurrilen, Grotesken und stilistisch Verspielten hat er für dieses Buch zugunsten einer zwar bildstarken, aber grundsätzlich realistischen Schreibweise zurückgefahren. Und auch vieles andere ist zu loben an diesem außergewöhnlichen Roman! Zum Beispiel die Figurenzeichnung:
Ein keineswegs bösartiger, aber inkompetenter und eitler Kapitän folgt lieber den hirnrissigen Ratschlägen eines royalistischen Gesinnungsfreundes und Hochstaplers als denen erfahrener republikanischer Offiziere. Der krankhaft ehrgeizige und in seiner Karrierefixierung skrupellose Gouverneur des Senegal würde Menschen opfern, damit er seine Guillotine mit dem Rettungsboot sicher nach Senegal bringen kann. An Bösartigkeit und Grausamkeit mangelt es auch vor der Katastrophe nicht, die Sympathieträger hingegen sind rar und gehören nur sehr selten zu den Gewinnern.
1816 ist auch im historischen Kontext ein bedeutsames Jahr. Mit Napoleons Niederlage bei Waterloo (1815) und seiner Verbannung nach St. Helena sind die letzten Ausläufer der Revolutionszeit versiegt. In Wien tanzt der Kongress der Neoabsolutisten nach Metternichs Pfeife. Aber Flämmchen der Aufklärung glimmen dort und da unauslöschlich weiter. Der Schiffsarzt Savigny repräsentiert den naturwissenschaftlichen Fortschrittsoptimismus in seiner humanistischen Variante, der Geologe Corréard den atheistischen Skeptizismus. Letztlich stehen beide fassungslos vor den Ereignissen, deren Betroffene und Zeugen sie geworden sind. Und die Mitwelt? Die möchte ihren schonungslosen, erschütternden Bericht am liebsten ignorieren, verdrängen, vergessen. Aufklärung ist bisweilen eine Belästigung.


Franzobel: „Floß der Medusa“, Roman, Zsolnay, 590 Seiten, 26,80 Euro